Darüber hinwegsehen? Ein Schwein zu sich selber sein?

Seit Wochen kommt mein Kopf nicht zur Ruhe. Ich denke nach – nicht nur über die momentane politische Achterbahnfahrt, sondern auch darüber, wie ich diese Dinge an mich heran lasse.

Im Sommer hatte mich ein geschätzter Kollege gebeten, eine bestimmte Persönlichkeit zu einer meiner Veranstaltungen einzuladen. „Das könnte sich für dich geschäftlich auszahlen“, lautete sein Ratschlag. Doch nachdem er mir den Namen genannt hatte, sträubte sich alles in mir gegen dieses Vorhaben. Es handelte sich um eine bekannte Persönlichkeit mit Naheverhältnis zu einer rechtspopulistischen Partei. Es verschlug mir den Atem und die Rede und ich stammelte, dass ich darüber nachdenken werde.

Doch je länger ich darüber nachdachte, desto unmöglicher erschien mir dieser Schritt. Natürlich wäre es in einem Land wie Österreich geschäftlich von Vorteil, doch andererseits fragte ich mich, welche Personen das anlocken würde. Wie würde ich damit umgehen, wenn mich Menschen um Beratung bitten, die alles „Fremde“ ablehnen und die „Hetze“ als legitimes Instrument betrachten?

Alles in mir sagte: „NEIN, ich will das nicht. Ich will einfach nicht!“

Und dann meldete sich wieder meine berufliche Selbstreflexion: „Schadet mir diese engstirnige Einstellung? Muss ich im Job nicht Kompromisse machen? Bin vielleicht ICH es, die nicht offen genug ist? Verabscheue ich etwas, das ich selbst ablehne?“

Nein. Mein körperliche Abwehr war eindeutig. Also teilte ich meinem Kollegen mit, dass ich das einfach nicht tun kann. Vielleicht dachte er insgeheim, dass ich falsch oder dumm handelte. Vielleicht.

Für mich ist es richtig. Denn meine WERTE sind das Fundament all meines Handelns – sowohl als Mensch, als auch als Unternehmerin. Es sind diese Werte, die ich meiner Tochter und meinen Klienten gegenüber lebe. Freiheit, Gleichbehandlung, Wertschätzung jedem Menschen und Lebewesen gegenüber – das kann man für ein paar tausend Euro nicht aufgeben. Andere haben wahrscheinlich kein Problem damit. Ich schon.

Und natürlich war es mit dieser Entscheidung lange nicht vorbei. Das Leben führte mich danach regelmäßig an genau diese Stelle meiner WERTgrenzen. Da war zum Beispiel dieses wunderschöne Seminarhotel, dessen Geschäftsführer sich als glühender Verfechter rechter Ideen herausstellte.  Oder Gespräche mit Kollegen über Wahlen, Kandidaten und Ideen, die ich abbrechen musste, weil mir buchstäblich schlecht dabei wurde, was ich alles zu hören bekam. Ich entgegne nicht immer sofort etwas, aber ich denke immer darüber nach. Und es gibt immer genug „Spielwiesen“, auf denen ich darüber nachdenken kann, wer ich bin, wer ich sein will – und ob ich die bin, die ich sein will.

Bin ich z. B. dazu bereit, Geld damit zu verdienen, andere in Werten zu bestärken, die ich von Grund auf ablehne, und die von dieser Person dann an andere weitergegeben wird? Will ich schweigen, wenn jemand begeistert über Dinge spricht, die mir gegen den Strich gehen und nach dem Wiederbetätigungsgesetz strafbar sind?

Nein. Das will ich nicht. Das bin ich nicht.

Dieselben Prinzipien, die mich z. B. dazu bringen, Billiglebensmittel aus Massentierhaltung oder
-produktion zu meiden, will ich auch auf meine Arbeit anwenden: Nicht um jeden Preis „Ja“ sagen, nicht um jeden Preis „Nein“ sagen ­– aber gemäß meinen WERTEN leise und weise in meinem Sinn entscheiden und handeln!

Der Verstand hat viele Argumente parat, warum man sich dennoch kaufen lassen sollte. Es ist recht einfach, sich die Geisteshaltungen anderer zurechtzudenken. Aber es ist auch recht selbstzerstörerisch. Über etwas hinweg sehen, was man unübersehbar ablehnt? NEIN, DANKE!

Ich will Rückgrat zeigen. Jeden Tag. Auch wenn es Tage gibt wo ich zweifle. Gerade im Business ist es nicht immer leicht, wenn andere ihr Gehalt haben wollen und man als Unternehmerin Verantwortung hat. Zu dem zu stehen, was mir wirklich richtig wichtig ist, ist Teil meiner Arbeit. Ich nehme die Nase ab und Blicke in eine Zukunft, die ich mir selber gestalte.

 

 

 

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